Philipp Schulz: Wenn der Lehrer in den Sommerferien zum Offensive Coordinator wird
Philipp Schulz ist der Offensive Coordinator der Sea Devils. © Jonas Wicker
Philipp Schulz ist hauptberuflich als Lehrer tätig. Zu Beginn der Saison übernahm er die Rolle des Trainers für die Wide Receiver. Nun wechselt er zum Offensive Coordinator, was von ihm noch mehr Engagement erfordert. Wie er diese beiden Aufgaben vereint, erzählt er im folgenden Interview:
Wie war dein erstes Training als Offensive Coordinator und warst du vorher nervös?
Ich war nicht nervös, da es sich lediglich um ein Training handelte. Zudem ist es nicht das erste Mal, dass ich als Offensive Coordinator für die Sea Devils tätig bin. Bereits 2022 hatte ich diese Rolle inne, damals in Zusammenarbeit mit Marten Töwe. In diesem Jahr arbeite ich mit anderen deutschen Trainern zusammen, darunter Sören Hauff, Marico Gregersen, Florian Voss und Ron Masnytiza. Diese deutschen Coaches unterstützen mich in der Vorbereitung, da dies eine Vollzeitposition ist. Da ich jedoch hauptberuflich als Lehrer arbeite, ist es nur möglich, wenn wir als Team zusammenarbeiten und uns gegenseitig unterstützen. Unser Ego wird in den Hintergrund gestellt. Daher weiß ich, dass meine Teamkollegen zu mir halten, genauso wie ich zu ihnen.
Mit welchem Trainer stehst du am meisten in Kontakt?
Ich habe engen Kontakt zu diesen vier Trainern: Sören Hauff, Marico Gregersen, Florian Voss und Ron Masnytzia. Zudem unterstützt uns Preston als ehemaliger Spieler besonders im Coaching-Team, indem er vor allem bei der knappen Ressource "Zeit" hilft, die uns Vollzeitbeschäftigten oft fehlt. Wir kommunizieren täglich mehrmals miteinander, sei es telefonisch oder per Nachricht. Wir teilen auch Bilder von Spielzügen hin und her. Die Informationen, die wir aus Videoanalysen gewinnen, bilden die Grundlage für neue Spielzüge. Diese Spielzüge sind im Football grundsätzlich bekannt, jedoch müssen wir die Bezeichnungen an unser aktuelles Playbook anpassen. In den letzten 8 Wochen haben wir nach dem Playbook eines anderen Coaches gespielt, jetzt müssen wir umdenken und präzise arbeiten, um Überschneidungen oder Widersprüche zu vermeiden. So entsteht aus dem bestehenden Playbook und unseren neuen Ideen ein neues Spielsystem.
Was sind deine Aufgaben als Offensive Coordinator?
Zuallererst geht es darum, den Gegner zu analysieren – seine Schwächen und Stärken zu identifizieren. Basierend darauf entwickeln wir passende Strategien. Unser Ziel ist es, gezielt die Lücken in der Verteidigung anzugreifen, sei es beim Lauf- oder Passspiel. Dabei setzen wir unsere Spieler so ein, dass sie am Spieltag erfolgreich agieren können. Diese Entscheidungen basieren auf Videoanalysen, vergangenen Spielen gegen den Gegner und unserer Erfahrung. Auf diese Weise können wir immer wieder neue Elemente ins Spiel einbringen, auf die die Gegner reagieren müssen. Falls sie reagieren, haben wir bereits den nächsten Spielzug bereit, der darauf aufbaut. Daher ist es wichtig, eine breite Palette an Spielzügen zu haben, die aufeinander aufbauen.
Was ist deine Aufgabe während eines Spiels?
Während eines Spiels obliegt es mir, die vorbereiteten Spielzüge zur richtigen Zeit auszuwählen. Dabei berücksichtige ich die Erwartungen der Trainer hinsichtlich der gegnerischen Verteidigungsstrategie. Beim Angriff übergebe ich den Zug an den Quarterback, der die Anweisungen an die anderen zehn Spieler auf dem Feld weitergibt, und das Spiel wird umgesetzt.
Wie gehst du als Coach damit um, wenn ein Spielzug nicht wie geplant funktioniert?
Wenn die Spieler Fehler machen, liegt das Problem oft in unserer Kommunikation. Wenn ich oder die anderen Trainer einen Fehler machen, ist das menschlich, aber dennoch unsere Verantwortung. Wir übernehmen stets die Verantwortung. Unser Ziel ist es sicherzustellen, dass unsere Spieler ihre Aufgaben gut ausführen können. Falls das nicht der Fall ist, haben wir als Trainer entweder nicht ausreichend oder nicht präzise genug gearbeitet. Diese Fehleranalyse ist entscheidend, um Fortschritte zu erzielen.
Hast du als Coach bestimmte Werte oder Ziele, die du vermittelst?
Jeder Coach hat seine eigenen Werte, die er seinen Spielern direkt oder indirekt vermittelt. Ich erkenne an, dass unsere Spieler oft anstrengende Arbeitstage haben, bevor sie zum Training kommen. Nicht immer läuft es zuhause reibungslos, sei es aufgrund von Stress in Beziehungen oder anderen Herausforderungen. Dennoch müssen sie nach Feierabend zweieinhalb Stunden mit uns trainieren. Daher ist es wichtig, dass sie ihren Fokus umschalten können. Ich habe drei Prioritäten im Leben: Familie, Arbeit und erst danach Football. Wenn die ersten beiden Aspekte gut laufen, können wir auf dem Football-Feld viel Spaß haben. Spieler, die persönliche Schwierigkeiten haben, sei es aufgrund von Arbeit oder Beziehung, müssen wir unterstützen. Unser Ziel ist es, sicherzustellen, dass sie am Training mit Freude teilnehmen können und für eine Weile ihre persönlichen Probleme vergessen. Angesichts der intensiven Trainings- und Spielbelastung müssen unsere Spieler Freude am Football haben, um die lange Saison erfolgreich zu meistern.
Wie schaffst du das?
Während des Aufwärmens kommunizieren wir sowohl mit der Offense- als auch mit der Defense-Gruppe. Ich gehe zu den Spielern hin, begrüße sie individuell und sorge für eine lockere Atmosphäre mit einigen lockeren Sprüchen. Einige Spieler kenne ich bereits seit drei, andere sogar seit zehn Jahren. Ich spreche zuerst mit den Spielern der Defense-Gruppe, da ich sie im weiteren Verlauf des Trainings nicht mehr intensiv betreue. Dann führe ich Smalltalk mit Spielern aus anderen Positionen, die nicht direkt in der Offense sind, um eine positive Atmosphäre zu schaffen. Ein offener Dialog auf Augenhöhe ist entscheidend, um eine echte Teamdynamik zu schaffen. Wir sind bei den Sea Devils eine enge Gemeinschaft, die Brotherhood ist keine leere Floskel, sondern wird von uns gelebt.
Passt du dich als Coach an, wenn du bemerkst, dass bei einem Spieler etwas nicht stimmt?
Das ist nicht immer leicht zu erkennen. Einige Spieler halten ihre Sorgen für sich. Dennoch versuche ich immer, ein Gespür dafür zu entwickeln, wie es den Spielern geht. Zum Beispiel, wie sie sich körperlich fühlen, besonders nach einem Spiel am Sonntag, wenn sie am Dienstag erneut Vollgas geben müssen. Es ist wichtig, manchmal Spieler auszubremsen, um Verletzungen vorzubeugen. Wenn wir als Trainer einen Fehler machen, ist das menschlich, aber wir müssen dafür geradestehen. Unser Hauptziel ist es, sicherzustellen, dass unsere Spieler ihr Bestes geben können. Falls sie Schwierigkeiten haben, ist es unsere Aufgabe, ihnen zu helfen, während des Trainings alles auszublenden. Unsere Spieler verbringen mehrere Tage pro Woche mit Football – Online-Meetings, Trainingseinheiten auf dem Platz und Reisen zu Auswärtsspielen. Wenn sie dabei keine Freude empfinden, wird die lange Saison körperlich und mental belastend. Daher ist es entscheidend, dass sie Spaß am Spiel haben.
Passt ihr die Trainingspläne individuell an die Spieler an?
Wir haben eine bestimmte Anzahl von Spielzügen pro Training, die wir absolvieren können, basierend auf der begrenzten Zeit. Wenn beispielsweise unsere Offensive Line angeschlagen ist, nehmen wir sie zwei Spielzüge früher aus dem Training heraus, um sie zu schonen. Dabei bereiten wir auch andere Spieler darauf vor, mehr Spielzeit zu erhalten, falls Verletzungen auftreten. Es ist eine Abwägungssache, ob wir einen Spieler nochmals einsetzen oder ihm Ruhe gönnen, um am Wochenende topfit zu sein. Spieler sind oft bereit, alles zu geben, aber manchmal müssen wir sie vor sich selbst schützen.
Verändert sich die Intensität des Trainings während der Saison?
Zu Beginn der Saison liegt der Schwerpunkt auf körperlichem Training, um Grundlagen zu legen und sich auf intensiven Football vorzubereiten. Während dieser Phase ist es möglich, technische Aspekte anzugehen. In der aktuellen Phase konzentrieren wir uns mehr auf etablierte Konzepte. Individuelles Training wird weiterhin durchgeführt, aber große Veränderungen sind nicht mehr realistisch. Daher fokussieren wir uns verstärkt auf Konzepte, die mehrmals im Training durchgespielt werden. Wir geben dann Feedback und korrigieren Kleinigkeiten, um sicherzustellen, dass die Spielzüge perfekt ausgeführt werden.
Das Team ist dieses Jahr deutlich jünger. Verändert das das Training?
Ja, teilweise. Bei weniger erfahrenen Spielern müssen wir mehr Anleitung bieten. Wir machen ihnen bewusst, dass sie Zeit haben, sich zu entwickeln. Sie sollten nicht erwarten, sofort Superstars zu sein. Im ersten Jahr sind sie im Aufbau, im zweiten im Einsatz bei bestimmten Situationen und im dritten Jahr können sie als Starter auftreten. Dieses stufenweise Vorgehen stellt sicher, dass wir über eine solide Mannschaft verfügen, die bei Verletzungen oder Ausfällen einspringen kann.
Warum hast du dich für die Rolle des Trainers entschieden?
Ursprünglich hatte ich nicht vor, Trainer zu werden. Nach meiner aktiven Spielerzeit wollte ich eigentlich einen langen Sommerurlaub machen. Jedoch zog ich mir eine Knieverletzung zu, wodurch mein vorderes Kreuzband riss und ich operiert werden musste. Coach Andreas Nommensen von den Elmshorn Pirates Fighting bot mir an, bei ihnen mitzumachen. Ich begann als Assistenztrainer von Coach Mau und übernahm später die Verantwortung für die Wide Receiver. Während der Corona-Pandemie pausierte ich, aber als klar wurde, dass eine neue Liga entstehen würde und auch ein Franchise in Hamburg gegründet wurde, fragte mich Nommensen, ob ich Teil seines Teams sein wolle. Ich sagte zu und bin seitdem als Trainer dabei.
Ist es schwierig, deinen Vollzeitjob als Lehrer mit dem Coaching zu vereinbaren?
Brett Morgan übt den Job in Vollzeit aus. Die deutschen Coaches versuchen, die Aufgaben so aufzuteilen, dass es funktioniert. Heute hatte ich bereits einen einstündigen Online-Termin mit den Imports, telefonierte mit Coach Jones, Hauff und Gregersen und erstellte Coaching-Unterlagen – das ist schon viel. Obwohl ich derzeit Ferien habe, verbringe ich den ganzen Tag vor dem Laptop. Ich tue dies gerne, aber ohne die Ferien könnte ich das nicht bewältigen.
Kannst du die autoritäre Herangehensweise im Football-Coaching bei deinen Schülern ablegen oder nutzt du sie?
Ich unterrichte Schüler der 5. bis 10. Klasse an einer Gemeinschaftsschule. Ich fordere auch von meinen Schülern Respekt ein, aber ich betone immer, dass Respekt keine Einbahnstraße ist. Ich erwarte, dass sie mir zuhören, wenn ich spreche, aber ich höre auch auf sie. Eine klare Kommunikation auf Augenhöhe ist entscheidend. Manchmal müssen direkte Ansprachen erfolgen, um Botschaften zu vermitteln. Das bedeutet nicht, dass Schüler dies als negativ empfinden, sondern als klare Ansage. Ich fordere viel, nehme meine Schüler aber stets ernst, unabhängig von ihrer Klassenstufe.
Bist du deshalb der "coole" Lehrer?
Ich bin Sportlehrer und trage oft Trainingsanzüge. Wenn ich Sneaker trage, wird darüber gesprochen. Wenn Schüler denken, sie seien schneller oder stärker als ich, spiele ich eine Runde Basketball mit ihnen. Ich beherrsche den Korbleger gut, den sie nicht verteidigen können, daher gewinne ich jedes Spiel. Das zeigt ihnen, dass ich nicht nur Forderungen stelle, sondern auch selbst handeln kann. Dies erzeugt Respekt. Zwischen 14 und 17 Jahren fällt es Jungs schwer, sich für Turnen zu begeistern, aber sie interessieren sich für Ballsportarten oder Fitness. Ich spiele gerne mit ihnen gemeinsam. Es muss ernsthaft sein, aber Schule soll auch Spaß machen. Wenn sie keinen Spaß haben, werden viele fernbleiben. Spaß ist in der Schule genauso wichtig wie im Football.
Wie schätzt du den aktuellen Stand der Sea Devils ein? Was waren deine Erwartungen?
Wir wussten, dass die Saison anspruchsvoll werden würde. Dennoch sind wir der Meinung, dass wir unser Potenzial nicht ausgeschöpft haben. Unsere Spieler haben gezeigt, dass sie besser sind, als die Bilanz zeigt. Obwohl wir in diesem Jahr mehr Spiele verloren haben als je zuvor, sind Veränderungen in unserem Coaching-Team vorgenommen worden. Die Stimmung im Training hat sich verbessert.
Was ist das Ziel für den Rest der Saison?
Statt große Ziele zu setzen, konzentriere ich mich darauf, Woche für Woche erfolgreich abzuschließen. Die Devise lautet: Diese Woche gewinnen wir. Wir werden sehen, wie sich die Saison entwickelt. Am Ende werden wir wissen, ob wir unsere Ziele erreicht haben oder Anpassungen vornehmen müssen. Es ist wichtig, flexibel zu sein und sich auf jede Herausforderung vorzubereiten.